Die Frage, mit der Kundinnen und Kunden zu mir kommen, lautet selten „Welches Theme?“ oder „Welches Plugin?“. Sie lautet fast immer: „Womit sollen wir unsere Website bauen – und womit betreiben?“ Das ist keine Detailfrage. Es ist eine Grundsatzentscheidung. Sie bestimmt, wie viel Freiheit man im Netz hat, wie viel die Website über die Jahre kostet, und vor allem: wie unabhängig man bleibt.
Die eigene Website ist der Ort im Netz, an dem man selbst die Regeln macht. Genau deshalb gehört sie nicht in ein System, das einem die Regeln wieder aus der Hand nimmt.
Meine Grundsatzentscheidung
Ich habe mich vor fast 20 Jahren für WordPress entschieden – und ich bereue diese Entscheidung bis heute nicht. Meine Begründung in einem Satz: WordPress ist ausgereift, wird aktiv gewartet, ist vielfältig einsetzbar – und es ist nicht proprietär.
Genau dieser letzte Punkt ist mir der wichtigste. Die eigene Website ist der eine Ort im Netz, den man selbst gestalten und kontrollieren kann. Da will ich keine grundlegenden Abhängigkeiten – keine Plattform, die die Inhalte einsperrt, keine Lizenz, ohne die die eigene Seite nicht mehr funktioniert, kein Abo, das jedes Jahr teurer wird. WordPress ist quelloffen, die Inhalte liegen in einer Datenbank, die man exportieren und mitnehmen kann. Was drumherum passiert – Themes, Plugins, Hosting – steht auf einem anderen Blatt und ist austauschbar.

Woran ich ein System für Websites messe
Wenn ich für Kundinnen und Kunden eine Empfehlung ablege, sind die Kriterien immer dieselben:
- Flexibilität: Das System muss mitwachsen können – von der kleinen Vereinsseite bis zur Website mit Buchungssystem, Mehrsprachigkeit oder Portfolio.
- Stabilität: Eine Website muss funktionieren, nicht ständig „neu erfunden“ werden. Ein ausgereiftes, gewartetes System ist hier im Vorteil.
- Niedrige Grundkosten: Gerade zu Beginn darf eine Website kein Cost-Center sein. Hosting und Betrieb müssen in einem Rahmen bleiben, den sich auch ein Verein oder eine Einzelperson leisten kann.
- Unabhängigkeit: Inhalte und Aufbau müssen exportierbar sein. Wer die Website abgibt, übergibt eine Installation – keine Gefangenschaft.

Warum WordPress diese Kriterien erfüllt
WordPress deckt all das ab. Es ist mit Abstand das am weitesten verbreitete Website-System der Welt, wird aktiv weiterentwickelt, und für nahezu jede Anforderung existiert ein gereifter Weg. Ein Hotel braucht etwas anderes als ein Kulturverein oder ein Künstler – aber die Grundsatzentscheidung ist für alle dieselbe. Ob Mehrsprachigkeit, Veranstaltungskalender, Bildergalerien oder Schnittstellen zu Buchungssystemen: In WordPress gibt es dafür Vorlagen und erprobte Lösungen.
Ein Blick in die Praxis: Was Unabhängigkeit bedeutet
Etwa ein Viertel meiner Kundinnen und Kunden habe ich aus anderen Systemen übernommen – teils von Wix & Co., teils aus Multi-Site-Umgebungen anderer Agenturen, in denen sie zwar effektive Seiten bekommen hatten, aber am Ende trotzdem in einem gefangenen Verhältnis steckten.

Die gute Nachricht bei WordPress: Solch ein Umzug ist unkompliziert – sofern die abgebende Seite kooperativ ist. Die Inhalte liegen in der Datenbank und lassen sich mitnehmen; was drumherum passiert, wird ohnehin neu aufgebaut. Das ist der Kernunterschied zu geschlossenen Systemen.
Ein Beispiel aus dem letzten Monat: Ich habe eine Kundin von einer Wix-Seite befreit. Eine liebenswerte Person ohne jede Web-Affinität, die „überzeugt“ wurde, was sie unbedingt braucht – und genau deshalb bei Wix in hohe monatliche Kosten für de facto einen One-Pager plus Impressum geriet. Nach dem Umzug läuft ihre Seite auf WordPress: schnell aufgesetzt, sie kann ihre Texte selbst ändern, und sie zahlt jetzt wesentlich weniger. Nicht, weil sie das bei Wix nicht auch hätte tun können – sondern weil offene Systeme schlicht keine Grundgebühr für die Freiheit verlangen.
Wann WordPress nicht die richtige Wahl ist
Ehrlichkeit gehört für mich dazu: Es gibt Szenarien, in denen WordPress keinen Sinn macht.
- Die reine Visitenkarte im Netz. Wer wirklich nur „Steckbrief plus Telefonnummer“ braucht, für den ist eine WordPress-Installation überdimensioniert. Oft stellt sich dann sogar die Frage, ob es eine eigene Website überhaupt braucht – oder ob eine Domain mit einem Linktree nicht reicht.
- Das Google-Sorglos-Paket. Für Nagelstudios und viele Einzelunternehmerinnen, die im Wesentlichen über den Ort gefunden werden, fährt man mit einem gepflegten Google Business Profile plus automatisch generierter Website und einer Domain bei Google vermutlich am einfachsten.
- Das inkludierte Website-Produkt. Wer ohnehin eine Website als Teil eines Sorglos-Pakets dazubekommt, eigentlich wenig zeigen möchte und nie wieder etwas ändern will, kann damit gut fahren.
- Die Gegenpositions-Agentur. Und ja: Wer als Agentur bewusst auf etwas anderes positioniert ist, braucht natürlich kein WordPress.
Aber das ist der Punkt: Sobald es irgendwie darüber hinausgeht – eigene Inhalte, eigenes Design, Mitwachsen, Mitnahme der Daten – gibt es für mich kaum noch Szenarien, in denen WordPress nicht zumindest eine Überlegung wert ist.
Die Konsequenzen der Entscheidung
Nach der Grundsatzentscheidung folgen die Detailentscheidungen: Hosting, Theme, Editor – und die Frage, ob man die Website mit Page Buildern oder mit Block-Editor-Themes wie GeneratePress aufbaut. Gerade hier liegen die meisten Stolperfallen in puncto Ladezeit und Wartbarkeit. Ein separates Update dazu, Alternativen zu WordPress Page Buildern, folgt als Teil 2 dieser kleinen Reihe.
Update: WordPress und KI
Mittlerweile arbeite ich mit WordPress seit 2005/2006, betreue rund 25 Kundinnen und Kunden mit etwa 30 Websites – alle bis auf eine (eine reine HTML-Seite) laufen auf WordPress. Was sich in all den Jahren nie geändert hat: die Grundsatzentscheidung. Was sich aber ändert, ist, was damit möglich wird. WordPress ist offen genug, um direkt an KI-Workflows anzudocken – dazu folgt ein eigener Beitrag.
Fazit
Die Wahl des Systems ist keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage der Unabhängigkeit. WordPress ist ausgereift, gewartet, vielfältig – und nicht proprietär. Wer im Netz einen Ort will, an dem die eigenen Regeln gelten, macht mit dieser Grundsatzentscheidung kaum etwas falsch. Und wenn das eigene Vorhaben klein genug ist, dass es auch ohne geht, sage ich das auch.